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Nachhaltig Reisen

Nachhaltig Reisen – geht das überhaupt?

Wir Bergsportler verstehen uns selbstverständlicherweise als Naturliebhaber, Outdoorenthusiasten, oft auch als Umweltschützer. Gleichzeitig führen viele von uns einen aktiven Lebensstil, sind viel unterwegs, reisen gerne. Wie lässt sich Reisen mit Nachhaltigkeit verbinden?

Das haben wir Reiseexperten und Gründer von “REISEN MIT SINNEN” gefragt.

Kai Pardon, du hast “REISEN MIT SINNEN”, einen nachhaltigen Reiseveranstalter gegründet. Ihr bietet klimaneutrales Reisen an – das klingt nach einer perfekten Lösung für das Dilemma zwischen Klimaschutz und Wanderlust. Was steckt dahinter?

Klimaneutrales Reisen ist leider noch nicht möglich. Das liegt vor allem an der Anreise, erst recht, wenn geflogen wird. Auch adäquate klimaneutrale Hotels gibt es bei Weitem noch nicht flächendeckend. Auch bei der Ernährung auf Reisen ist es nicht möglich, klimaneutral zu bleiben, erst recht nicht, wenn viel Fleisch gegessen wird. Deshalb nutzen wir die „Krücke“ Kompensation.

Mit CO²-Kompensation werden von der Busfahrt über den Pizzalieferdienst bis zur Kleidung viele Dinge als klimaneutral beworben. Oft klingt es so, als würden wir uns damit “Umweltsünden” gutschreiben. Ist das die Lösung für alles?

Kompensation ist die einzige Möglichkeit, seinen CO₂-Fußabdruck zu verkleinern. atmosfair ist der beste Anbieter, wenn es um Kompensation geht. Wir bei REISEN MIT SINNEN benutzen zurzeit diese Klima-Krücke. Wir kompensieren die Emissionen für alle Flüge und das Landprogramm komplett zu 100 %. Da sind wir Trendsetter in der gesamten Branche. Aus Klimaschutzgründen sollte CO₂-Vermeidung wo immer möglich Priorität vor anderen Maßnahmen haben. Können CO₂-Emissionen nicht vermieden werden, sollten zumindest Maßnahmen ergriffen werden, um Emissionen so weit wie möglich zu reduzieren. Unvermeidbare Emissionen kompensiert atmosfair in hochwertigen CDM Gold Standard Klimaschutzprojekten. Solange es keinen sauberen Kraftstoff gibt, ist das die einzige Möglichkeit, die auch hilft, das globale Klima zu schützen. atmosfair hat in 2021 die erste E-Kerosin-Anlage eröffnet. Dieses E-Kerosin ist CO₂-neutral und hat keine negativen Umwelteffekte. Es ist allerdings nur ein Anfang.

Auch durch CO₂-Kompensation werden beim Flugzeug nicht weniger Schadstoffe ausgestoßen. Gibt es noch andere Wege, eine Flugreise klimaneutral zu gestalten?

Ich hoffe, dass „sauberes“ Fliegen eines Tages flächendeckend möglich sein wird. E-Kerosin und Fliegen mit Wasserstoff sind noch Zukunftsaussichten. Doch wann wird es damit losgehen? Fachleute gehen davon aus, dass es mindestens 10 Jahre dauern wird, bis hier etwas spürbar umgesetzt wurde. Herkömmliches Benzin aus Kohlenstoff und Wasserstoff verbrennt im Triebwerk und entwickelt klimaschädliches CO2 und Wasserdampf. Lässt man nun den Kohlenstoff weg und verwendet nur Wasserstoff, entsteht bei der Verbrennung kein CO2. Außerdem ist Wasserstoff in der Lage, in Brennstoffzellen Strom zu erzeugen und damit Elektromotoren anzutreiben. Der elektrische Antrieb könnte mit anderen Antriebsmethoden zusammenwirken, um ein Flugzeug klimafreundlich zu gestalten.

“Wirklich nachhaltig wäre es gar nicht zu reisen.” Einen solchen oder so ähnlichen Kommentar habt ihr bestimmt auch schon einmal gelesen. Was würdest du darauf antworten?

Das ist natürlich richtig. Aber…
Viele Länder benötigen den Tourismus, um den Menschen Arbeitsplätze bereitstellen zu können. Der soziale Faktor ist nicht zu unterschätzen. Gerade verantwortlich agierende Reiseveranstalter wie wir legen großen Wert auf soziale Nachhaltigkeit. Dazu gehört eine faire Bezahlung sowie die Nutzung von Hotels und Restaurants, die in einheimischer Hand sind. Würde der Tourismus komplett wegfallen, weil Fliegen bekanntermaßen schädlich ist, gäbe es in vielen Reiseländern extreme Probleme.
Unsere Art des Reisens bringt den Destinationen mit Sicherheit mehr als Kreuzfahrt-Tourismus und All Inclusive-Konzepte. Da bleibt teilweise kaum etwas in den Zielgebieten.

Es gibt für uns einige Grundregeln: Je weiter die Flugstrecke, umso länger sollte man vor Ort bleiben. Auf manche Flugreisen solltest du lieber gänzlich verzichten. Dazu zähle ich Kurzreisen rund um den Globus. Ein Wochenend-Shopping-Trip nach New York oder Dubai ist mit nachhaltigem Reisen nicht vereinbar. Wähle für Kurzreisen lieber nahe gelegene Ziele aus, die du mit dem Zug erreichen kannst.

Worauf kann man bei Privatreisen achten, um klimabewusst unterwegs zu sein? Ist es nachhaltiger, alleine unterwegs zu sein oder sich einer Reisegruppe anzuschließen?

Vielen Menschen fällt es immer leichter, Nachhaltigkeit in das alltägliche Leben zu integrieren. Wir versuchen weitgehend auf Plastik zu verzichten, wir kochen vorausschauend und möglichst regional und lassen häufiger das Auto zu Hause stehen und radeln stattdessen zur Arbeit. Es gibt viele Dinge, die wir im Alltag unternehmen können, um die Welt ein kleines bisschen „besser“ zu machen. Was muss man über nachhaltiges Reisen wissen?

Über die Anreise haben wir schon gesprochen. Fliegen – nur dann, wenn es anders nicht möglich ist und der Aufenthalt gemäß der Entfernung lang genug ist. Natürlich sind öffentliche Verkehrsmittel auch vor Ort meist ökologischer als der eigene PKW, aber auch beschwerlicher, da man nicht überall auf eigene Faust hinkommt. Gerade besondere Natur-Highlights sind nicht immer an das öffentliche Netz angeschlossen.

Touristenfallen sind beim Reisen oftmals allgegenwärtig und meistens dienen sie auch nicht der sozialen Nachhaltigkeit. Wenn man in fernen Ländern darauf achten möchte, dass das Reisegeld wirklich auch bei der lokalen Bevölkerung landet, welche Tipps kannst du einem geben?

Bucht in jedem Fall inhabergeführte, kleinere Unterkünfte oder ökologische Häuser. Besucht die regionale Restaurant-Szene und probiert euch durch landestypische Gerichte. So profitieren viele von der Rundreise, wodurch die Verbesserung der Lebensqualität fair und breiter möglich ist. Bei uns bleiben beispielsweise immer mindestens 50 % des Reisepreises im Land.

Ganz besondere Orte, wie beispielsweise die Antarktis, stellen für immer mehr Menschen ein faszinierendes “once in a lifetime” Reiseziel dar. Der Tourismus in die abgelegensten Orte dieser Welt steigt weiter an. Allerdings führt das, wie am Beispiel der Antarktis zu sehen, zu immer schwerwiegenderen Umweltproblemen. Gibt es Orte, an die man gar nicht Reisen sollte oder die in Zukunft auch nicht mehr für den Tourismus zugänglich sein werden?

Du hast es in deiner Frage ja schon erwähnt, die Antarktis gehört mit Sicherheit zu den Regionen dazu, in die man als an Nachhaltigkeit interessierter Mensch nicht reisen sollte. Ein weiterer solcher Ort wären für mich die Galapagos-Inseln. So sehr ich die Faszination verstehe, die besonderen Gegebenheiten und natürlich die Tierwelt in diesen Extremregionen mit eigenen Augen sehen und erleben zu wollen, halte ich die Ökosysteme gleichzeitig für zu fragil, um auf Dauer den Einflüssen des Tourismus trotzen zu können.

Ich kann mir auch vorstellen, dass solche Regionen zukünftig komplett gesperrt werden, um Flora und Fauna zu erhalten, wie es ja innerhalb von Naturschutzgebieten in einzelnen Bereichen auch schon gehandhabt wird. Für manche Regionen wie die erwähnten, erledigt sich die Frage in den nächsten Jahrzehnten wahrscheinlich – leider ohnehin von selbst, da es sie durch die Folgen des Klimawandels so nicht mehr geben wird.

Auf der anderen Seite kann nachhaltiger Tourismus auch dabei helfen, Arten zu retten. Wir unterstützen ein Gorilla-Projekt in Uganda. Dadurch, dass kleine Gruppen von Touristen gemeinsam mit Rangern die wild lebenden Gorillas in ihrem natürlichen Lebensraum besuchen, wird weder der Regenwald weiter abgeholzt noch die Gorillas gejagt. Es gibt einige Beispiele, wo der Artenschutz vom Tourismus profitiert.

Bewusst Reisen bedeutet auch, langsam unterwegs zu sein und sich Zeit für die Orte zu nehmen, die man besucht. Viele Berufstätige können bei nur einer Urlaubswoche nicht wirklich an Entschleunigung denken. Warum sollte man sich dennoch bemühen, mehr Zeit für Reisen einzuplanen, nur um in Laos dem Reis beim Wachsen zuzusehen?

Dafür gibt es mehrere Argumente. Zum einen ökologische: Als nachhaltiger Reiseveranstalter bieten wir von vornherein keine Reisen an, deren CO2-Emissionen für den Flug in keinerlei Verhältnis zur Aufenthaltsdauer stehen. Für eine Fernreise sollte man mindestens zwei Wochen einplanen, um den Fußabdruck einigermaßen rechtfertigen zu können.

Zum anderen muss man sich ja auch selbst fragen, was bringt es mir, für nur eine Woche in eine fremde Kultur einzutauchen. Was kann ich in so kurzer Zeit von einem anderen Land wirklich kennenlernen? Da kratze ich doch nur ein bisschen an der Oberfläche. Tiefe entsteht doch vor allem, wenn man sich auf die Menschen und deren Realität einlässt. Ein solcher Austausch ergibt sich meist nicht von einem Tag auf den anderen. Absolviere ich in einer Woche beispielsweise im von Ihnen erwähnten Laos das touristische Pflichtprogramm, artet das ja auch nur in Stress aus, von Urlaubserholung keine Spur. Da sollte man schon lieber seltener verreisen und dafür länger.

Wenn man sich wirklich nur für eine Woche frei machen kann, bringt es aus meiner Perspektive mehr, seine Ferien in Deutschland oder den Nachbarländern zu verbringen. Hier gibt es großartige Gegenden, in denen man richtig runterkommen kann, einfach mal abschalten. Beispielsweise beim Wandern den Kopf frei kriegen – das ist für mich Meditation pur – oder statt dem Reis den Pilzen beim Wachsen zusehen und diese dann anschließend zu einer köstlichen Mahlzeit verarbeiten. Dazu ein leckerer Wein aus der Region, so fühlt sich Entschleunigung für mich an.

Durch bewusstes Reisen vergrößert man seinen Horizont. Was hast du durch Erlebnisse in unterschiedlichen Ländern über Nachhaltigkeit gelernt? Wie gehen andere Kulturkreise mit diesem Thema um?

In vielen Ländern spielt Nachhaltigkeit, so wie wir sie kennen, noch keine Rolle. Gerade in ärmeren Regionen ist das kein Thema. Natürlich gibt es überall Pioniere, die nachhaltige Projekte initiieren. Das kann der Bau einer Öko-Unterkunft sein oder der Aufbau eines sozialen oder Umweltprojektes wie Wiederaufforstungs- oder Artenschutzmaßnahmen.

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