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Klimawandel und Lawinenbedingungen

Wie sich der Klimawandel auf die Schnee- und Lawinenbedingungen auswirkt

Bergrutsche, Gletscherschmelze, Steinschlag, Eisstürze – die objektiven Gefahren nehmen aufgrund der Klimaerwärmung zu und machen Routen im Hochgebirge unbegehbar. Aber auch das Abschmelzen des Permafrosteises sorgt für instabile Felswände und die Wetterextreme für beachtliche Schäden am Wegenetz. Die Klimakrise ist in den Bergen angekommen – doch wie sieht es mit den kommenden Wintern aus? Welche Auswirkungen hat das Klima auf die Schnee- und Lawinenverhältnisse? Im folgenden Interview gewährt uns Dr. Benjamin Reuter, Bergführer und Experte für Schnee und Lawinen bei Météo-France Einblicke in die Erkenntnisse seiner Forschungsarbeit.



 

Was macht Benjamin der Schneeforscher genau?

In meinem Job geht es im Großen und Ganzen darum, wie man die Lawinenwarnung in der Zukunft verbessern kann. Dazu gehören nicht nur gute Modelle und schnelle Computer, sondern auch ein fundiertes Verständnis der Schneeverhältnisse. In einer aktuellen Studie analysieren wir z.B. Datensätze über die Schneemengen in den französischen Alpen der vergangenen 60 Jahre und der prognostizierten nächsten 100 Jahre. Die Vergangenheit ist zwar vielleicht nicht so spannend wie die Zukunft, aber um zu verstehen, ob es in Zukunft mehr oder weniger Lawinen oder Powdertage geben wird, müssen wir eben auch die Vergangenheit anschauen.

Und? Können wir auch trotz Klimaveränderung in Zukunft noch in den Alpen skitourengehen?

Ja, wir werden weiterhin Skitourengehen können. Allerdings werden wir in Zukunft die erste Stunde wohl öfters die Ski schultern müssen. Sorry, aber die aktuellen Trends zeigen, dass Schnee in niedrigeren Lagen rarer wird. In den vergangenen Jahrzehnten stiegen die Lufttemperaturen an den meteorologischen Bergmessstationen in den Alpen an, so dass es in den Wintermonaten vor allem an niedriger gelegenen Stationen häufiger regnete als schneite. Oberhalb von etwa 1.400 Meter Höhe schneit es in den nördlichen Alpen noch häufiger, als dass es dort im Winter regnet. Die Tatsache jedoch, wieviel Schnee schließlich liegen bleibt, hängt eher von der Art des Niederschlags als von der Lufttemperatur ab. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird die Höhe, auf der eine permanente Schneedecke während der Wintermonate wahrscheinlich ist, in den nächsten 30 Jahren auf ca. 2.000 m steigen.


 

Steigende Temperaturen und mehr Niederschläge. Sind das also die Folgen des Klimawandels in den Alpen?

Was die durchschnittliche Lufttemperatur angeht, ist deren Anstieg seit den 90er-Jahren deutlich messbar. Zudem wird die Kurve aktuell steiler. Das ist der oft zitierte Klimatrend. In Bezug auf die Niederschläge hängt es sehr stark davon ab, welche Region man betrachtet. Die Alpen sind ein relativ kleines Gebirge mit unterschiedlichen klimatischen Gegebenheiten. Die Simulationen für die nächsten Jahre lassen Forscher annehmen, dass es auf der Südseite der Alpen eher trockener, auf der Nordseite eher feuchter wird.

Hat der Klimawandel auch Einfluss auf Lawinen?

Lawinen gehören zu den alpinen Naturgefahren. Sie sind selten und zunächst einmal hauptsächlich vom Wetter abhängig. Man könnte auch sagen: "avalanches don't care about the climate, they care about the weather". Ein Zitat, das immer wieder in diesem Zusammenhang genannt wird. Ob es in einer Region Lawinen gibt, hängt vor allem von der Witterung ab, also dem lokalen Wettergeschehen. Entscheidend sind vor allem Niederschlag, Wind und Temperatur, denn diese meteorologischen Größen können die Eigenschaften der Schneedecke unmittelbar verändern. Die Summe der Witterungseinflüsse prägt die Schneedecke über Wochen hinweg, sodass eine Abfolge an unterschiedlichen Schneeschichten entsteht. Die Eigenschaften dieser Schichten sind schließlich entscheidend, ob ein weiterer Schneefall, eine stärkere Erwärmung oder gar ein Wintersportler, eine Lawine auslösen kann. Ob sich unser Verhalten in den Bergen verändert, ist schwierig zu beurteilen, aber der Klimawandel hat Auswirkungen auf die Häufigkeit von Starkschneefällen oder Wärmeeinbrüchen. Es gibt also eine Verbindung von Klima und Lawinen, auch wenn „Klima“ einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten beschreibt und „Lawinen“ ein kürzeres Phänomen sind.


 

Was heißt das jetzt genau für die Lawinengefahr?

Die Charakteristik der Lawinengefahr lässt sich am besten mit den Lawinenproblemen beschreiben. Je nach Klimaregion treten die typischen Situationen, wie z.B. Neuschnee, Triebschnee, Altschnee oder Nassschnee mehr oder weniger auf. Oder sollen wir sagen, traten sie? Denn seit den letzten 30 Jahren verschieben sich diese Klimaregionen langsam. So haben z.B. die Altschneeprobleme der inneralpinen Gebiete wie hinteres Ötztal, Wallis oder Graubünden in den letzten 60 Jahren nicht zugenommen. Am Alpennordrand sind diese Situationen auf dem Rückzug, da es dort vermehrt hineinregnet. Ganz markant zeichnet sich eine Verschiebung der Nassschneeproblematik ab. In den letzten 20 Jahren hat sich inneralpin der Beginn der Nassschneesaison um bis zu zwei Wochen nach vorne verschoben.

Mit welchen Problemen werden wir also in der Zukunft rechnen müssen?

In niedrigeren Lagen wird es aufgrund der höheren Lufttemperatur immer weniger Schnee geben. Damit wird es auch einen Rückgang in der Häufigkeit der großen Lawinen geben, die früher noch die Talböden erreichten. Neuschneesituationen wird es immer wieder geben, extreme Ereignisse können vor allem in höheren Lagen in einer etwas wärmeren Atmosphäre öfters auftreten. In höheren Lagen haben sich die Dicke der Schneedecke und die Neuschneemengen über die Jahre nicht wesentlich verändert. Wetterextreme wie Starkniederschläge können in den kommenden Jahren häufiger werden und damit auch die Neuschneeprobleme in manchen Regionen zunehmen. Situationen mit Nassschneeproblemen kann es schon früher als üblich im Jahr geben.


 

Wie sollen wir uns also zukünftig am besten verhalten?

Uns wird immer mehr bewusst, dass sich die Verhältnisse in den Bergen verändern. Das Klima verändert zwar nicht die Lawinengefahr von morgen, kann aber die bislang aufgetretenen Muster in Bezug auf Zeit und Ort beeinflussen. Etwas Anpassungsfähigkeit wird in Zukunft somit definitiv gefragt sein, um die veränderten Situationen gut vorhersagen zu können. Für Skitourengeher sind die Umsetzung des Lawinen- und Wetterberichts das A und O. Und vielleicht lohnt sich eine Skihalterung ans Bike zu bauen, damit wird die ersten Meter unserer Hausberg-Skitouren mit dem Bike bewältigen können.

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